Sonntag, 26. August 2012

Alter und Mode


Kleine Ode an meine alte Mutter - so habe ich sie gern in Erinnerung!


Keine Bange, jetzt kommt keine komplizierte Tochter-Mutter-Geschichte. Ich verdanke meiner Mutter einiges für meine Entwicklung, u.a. auch Unterstützung für Haltungen und Ansichten, die sie selbst nicht teilen konnte. Lange Jahrzehnte lebte sie in meinen Augen viel zu konventionell. Aber was mir auch jetzt noch Mut macht: an ihr habe ich hautnah erleben können, dass man auch in fortgeschrittenem Alter verfestigte Ansichten ändern und alte Zöpfe abschneiden kann. Sie war eine gelernte (und sehr geschickte) Schneiderin und hätte früher NIE solch eine Jacke (wie oben) genäht: "Die sitzt ja gar nicht! Die Ärmel können ja gar nicht sitzen...!" Ich kann mich noch erinnern, dass bei uns diese Schnitte rumlagen, die heute unter Vintage oder Retro laufen. Und ich kam aus Skandinavien aus dem Urlaub wieder und wollte einen Kittel mit gerade eingesetztem Ärmel haben, wie ich ihn da gesehen hatte. So etwas gab es um 1970 hier nicht zu kaufen. Das hat mich EIN JAHR Argumentieren gekostet, bis sie mir so einen Leinenkittel (heute: Tunika) genäht hat. Unter Protest. - Und je weißer ihre Haare wurden, desto lockerer wurde ihre eigene Kleidung. Kein-Haare-Färben-mehr ging einher mit bequemerem und fröhlicherem Outfit. Und überhaupt mehr Offenheit für Neues und Fremdes. Beispielsweise an einem sonnigen Wintertag offen Kabrio fahren (gut) und wenn man Durst hat, auch mal koffeinhaltige Limonade aus der Flasche trinken (zweimal bäh). Immerhin zwei neue Erfahrungen...



Jedenfalls würde diese meine Mutter sich mordsmäßig freuen, dass ihre Erstgeborene nach Jahrzehnten der modischen Ignoranz und der Jeans+Bluse-Kombis sich neuerdings für Mode interessiert - und dass ich mir selbst Kleider auf den Leib schneidere! Um nicht über meine "neue Mitte" zu lamentieren, sondern sie schön anzuziehen. Das war nämlich meine Überlegung zu dem Dilemma des Weicherwerdens und Andersförmigerwerdens - mein Hausarzt nannte das despektiertlich "Matronenspeck" - und dem Missgefallen daran. Keine Röhrenjeans mehr, weil zu eng.  Mal Neues probieren und selbst-schneidern.

Allgemeingültige no goes gibt es für mich nicht grundsätzlich. Früher wären für mich Leggins unter Röcken nicht gegangen, jetzt habe ich mich an den Anblick gewöhnt und auch schon selbst probiert und für tragbar gefunden. Orange steht mir nach wie vor nicht zu Gesicht. Dafür habe ich Grün als Farbe für mich entdeckt. Jetzt wird Blau etwas zurückgedrängt (keine Kombinationen zu Jeans mehr notwendig). Faltenröcke und Schottenkaros oder klassische Kostüme ohne jeden Pfiff haben mir noch nie gefallen und ich denke, das werden sie auch mit zunehmendem Alter nicht tun. Aber was für mich gilt, muss für andere Frauen ja nicht gelten: Ich habe eine Freundin, die mit 60 noch ein aufregend enges Kleid mit Grandezza trägt - ein großer Auftritt ist ja nicht an Jugend gebunden!
Und ich bin gespannt, wie die Diskussionen um altersgemäßen Kleidungsstil bei Bronte und anderen sich entwickeln wird.

5 Kommentare:

  1. Hi Lieblingsschwester,

    Du sprichst mir aus dem Herzen.
    Was für ein fabelhafter Start in den Tag mit Deinen Reminiszenzen an unsere Klasse-Mum. Danke für das breite Lächeln, das Du mir damit in den Kopf gezaubert hast! Es stimmt, je älter Mutti wurde, desto mehr hat sie jeden Jux mitgemacht und war für jeden Spaß zu haben... Alter hat bei ihr in jeder Hinsicht befreiend gewirkt ;-).
    Kuss
    Deine Lieblingsschwester

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  2. Wenn zwei Schwestern sich so liebevoll und auch bewundernd an ihre Mutter zurückerinnern, finde ich das einfach wunderwunderschön! Und sie hat auf dem Bild mit der Jacke und dem Regenschirm ja solch einen Charme und Pep - ach - und die Raglanärmel fallen so schön über die Schultern!!

    liebe Grüße von Ellen

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  3. Liebe Strella, liebe Prinzenrolle,
    eine wunderbare Mutter, eine schöne Muttergeschichte wurde da erzählt. Ich habe den Eindruck, dass viele (?)- manche Frauen über 70 wieder mutiger werden, sich unabhängiger machen von den anerzogenen Regeln und noch mal Wind unter die Flügel bekommen. Sie reisen, reden ehrlicher, sind insgesamt unangepasster und egoistischer. Ist das nicht eine schönen Aussicht fürs Alter? Vielleicht können wir das in meiner Generation schon um 10 Jahre vorverlegen?
    Freundlicher Gruß Mema

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  4. Tolles Foto von Deiner Mutter!!
    Schöner Artikel. Und, ähnliches kenne ich auch von meiner Mutter. Schön, wenn sich mit dem Älterwerden so eine "Lockerung" einstellt.
    VG, Birgit
    PS: Danke für Deinen Kommetar bezüglich der Rocklänge. Als der Rock nur noch im Schrank hing und ich ihn nicht mehr anzog, wurde mir klar, dass irgendwas mit ihm nicht stimmt. Er war eindeutig zu lang.

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  5. Meine Mutter war aus den 1920ern, meine Großmütter aus den 1880ern. Locker sind sie alle im Alter nicht geworden. Ich kenne das von anderen Alten und habe es schon oft miterleben dürfen. Das ist auf alle Fälle ein lohnenswertes Ziel für die nächsten Jahrzehnte!

    LG, Bronte

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